Zur Erläuterung: Für jede aus der Atmosphäre entfernte Tonne CO₂ erhalten Unternehmen ein Zertifikat, das sie sich auf ihre Klimabilanz anrechnen können. Je mehr solcher Zertifikate sie kaufen, desto geringer fällt ihr ausgewiesener Emissionssaldo aus. „Klimapositiv“ wird ein Unternehmen rechnerisch dann, wenn es mehr CO₂ bindet als es ausstößt – zumindest auf dem Papier.
Das folgt der Logik von Emissionshandelssystemen: Der Staat legt eine maximale Gesamtmenge an Emissionen fest und verteilt oder versteigert entsprechende Zertifikate. Wer mehr ausstößt, muss zusätzliche Rechte zukaufen – idealerweise von Akteuren, die weniger emittieren oder CO₂ aktiv entfernen. Damit ein tatsächlicher Klimaeffekt entsteht, müssen Zertifikate am Ende stillgelegt werden. Solange sie im Umlauf sind, bleiben sie handelbar – und werden damit selbst zur Ware in einem Markt, der Emissionen nicht nur begrenzt, sondern auch bepreist.
Die grundsätzlichen Probleme dieser Systeme sollen hier nicht Thema sein. Für Liberale ist an diesem Punkt die wesentliche Aufgabe des Staats erfüllt, den Rest regelt der Markt von allein. Funktioniert so zwar nicht, aber eine willkommene Ergänzung klimapolitischer Steuerung ist der Zertifikate-Handel allemal.
Die zweite Grafik zeigt, wie wacklig das gesamte Gebilde ist. Denn nur 46,4 Millionen Tonnen CO2 und CO2-Äquivalente sind vertraglich zugesichert. Die CDR-Unternehmen haben sich verpflichtet, diese Menge zu liefern. Mit diesen Verträgen erhalten StartUps wichtige Aufträge, die zur Skalierung der Technologie nötig sind. Heißt wiederum: bei knapp 80 Prozent der entnommenen Tonnen ist Microsoft in Vorleistung gegangen. Nur ein Bruchteil der zugesicherten Menge konnte bereits erfüllt werden. Microsoft hat also kaum Zertifikate, die es löschen könnte, finanziert sie aber schon. Für die Branche ist das Nachfragevolumen des US-Riesen überlebenswichtig.
Das nun wegbricht.
Nachfrageverluste zu kompensieren kann Nutzen stiften
Die Bundesregierung, die CRD als wesentliche Strategie zur Erreichung der Klimaziele in ihr Programm schreibt, sollte also verleitet sein, die Nachfrageausfälle für darbende StartUps so gut es geht zu kompensieren. Quasi als Schuldner in (vor)letzter Instanz. Doch die strikten Haushaltsbudgets der Euroländer machen es schwierig bis unmöglich, junge Unternehmen mit planbaren Einkünften aus Auftragsarbeiten zu versorgen.
Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre zu entnehmen, wird aber nicht nur in Deutschland, sondern weltweit einer der Schlüssel sein, die Erwärmung der Erde unter 2 Grad zu halten. Das ehrgeizigere 1,5-Grad-Ziel dürfte nach bisherigen Maßstäben ohnehin nicht mehr erreichbar sein.
Doch der langfristige gesamtgesellschaftliche Nutzen dürfte sich nicht nur in der CO2-Bilanz widerspiegeln. Das liegt in der Natur der Kohlenstoffdioxidentnahme begründet.
Der aktuell größte Lieferant von sequestriertem CO2 ist der bolivianische Holzverarbeiter Exomad Green mit 318.466 gelieferten Tonnen. Die Südamerikaner entfernen Kohlenstoffdioxid mittels Biochar Carbon Removal (BCR), indem Holzreste, die verbrannt würden, per Pyrolyse in stabile Kohle umgewandelt werden. Diese Kohle wird zur Bodenverbesserung an Landwirte abgegeben. Bei Pyrolyse wird Holz unter Luftabschluss – also ohne, dass CO2 frei wird – thermisch zersetzt. Der Kohlenstoff bleibt im Festkörper gebunden.
Diese Art der natürlichen CO2-Entnahme wird auch durch Aufforstung und Moorwiedervernässung ermöglicht. Hier hat Deutschland gute Ausgangsbedingungen.
Neben dieser Variante kann Kohlenstoff auch durch Maschinen aus der Luft entfernt und als Kohle eingelagert werden, Gestein kann durch beschleunigte Verwitterung CO2 aufnehmen, die Ozeane sind ebenfalls große Speicher (wobei natürlich der höhere CO2-Gehalt im Wasser die Übersäuerung der Meere beschleunigt und entsprechend negative Auswirkungen haben kann).
Die Frage ist also nicht, ob es technisch möglich ist, CO2 aus der Luft zu entfernen. Die Carbon Removal Map zeigt ein bestehendes System solcher Kapazitäten. Vielmehr wird es nach dem Microsoft-Rückzug entscheidend sein, ob Unternehmen durch staatliche und private Nachfrage einen Cashflow generieren können, der die industrielle Skalierung stützt.
Hier zeigt sich das große Paradox der liberalen Klimapolitik: Der Privatsektor soll in neue Technologien investieren. Doch wenn ihr Nutzen „nur“ gesamtgesellschaftlich ist und sich nicht in betriebswirtschaftlichen Kennzahlen abbildet, führen Krisen zu einem akuten Rückzug der privaten Investoren. Der Staat kann aber nicht als Nachfrager einspringen, weil er sich durch sinnlose Fiskalregeln selbst behindert.
So muss ausgerechnet der Sektor bluten, in den die marktliberale Klimapolitik ihre Hoffnungen setzt.