Wirtschaftswissenschaft ist für Sie Neuland, das Sie betreten möchten? Dann lassen Sie sich wie Lukas von Jakob auf eine Reise durch die zentralen Themen, Thesen und Irrtümer unserer Wirtschaftstheorien mitnehmen.
Der Philosoph Jakob hat dem Schüler Lukas in einem langen Gespräch bereits wichtige Zusammenhänge der Volkswirtschaftslehre erklärt. Nach einer Begegnung mit einem Migranten diskutieren Lukas und Jakob über den Kolonialismus. Lukas interessiert die Frage, ob die westlichen Industrienationen den globalen Süden in der Weltwirtschaft noch immer benachteiligen.
»Hält sich die Politik heute an die minimale Forderung, anderen Nationen nicht zu schaden? Die weitgehend ausgebliebene Vergangenheitsbewältigung der westlichen Politik und Wirtschaft ist zumindest kein gutes Zeichen für einen solchen Sinneswandel. Um diese Frage zu beantworten, sollten wir uns aber zunächst noch einmal mit der Volkswirtschaftslehre beschäftigen.«
»Ich bin ganz Ohr.«
»Obwohl es um die Volkswirtschaftslehre geht?«
»Wenn du wieder ausreichend anschauliche Beispiele anführst, bin ich inzwischen sehr gespannt auf das Thema Wirtschaft.«
»Dann bist du meiner Meinung nach einen großen Schritt weiter gekommen. Für viele Lebensbereiche wie Gesundheit, Lebenserwartung, Arbeit und Wohlstand gibt es kaum ein wichtigeres Thema als die Volkswirtschaftslehre. Gut - ich werde mich bemühen das scheinbar so trockene Thema so anschaulich wie möglich zu machen.«
»Dann leg los!«
»Eine kleine Geschichte: Vor rund sechzig Jahren versuchte Toyota seinen ersten PKW in den USA zu verkaufen.[i] Das Auto hieß Toyopet, was so viel wie Toyota-Haustier bedeutet. Das Auto sah auch entsprechend aus: Ein kleiner Wagen mit gutmütigen runden Augen, den die amerikanische Presse ›Baby-Cadillac‹ taufte. Obwohl Toyota für die damalige Zeit bereits einigen Luxus wie Radio und Heizung verbaut hatte, lehnten die Amerikaner das Auto ab: zu langsam, zu laut, zu unsicher usw. Der Toyopet war in den USA der totale Flop und musste wieder vom Markt genommen werden.

Theorien, die den Freihandel als etwas grundsätzlich Positives ansehen, habe ich dicker umrandet.«
»Über diese Theorien hatten wir schon gesprochen. Die haben also alle auch etwas über den internationalen Handel zu sagen?«[ii]
»Natürlich! Was haben die Theorien, die international für den freien Handel sind, gemeinsam?«
»Sie befürworten auch freie Märkte innerhalb einer Volkswirtschaft.«
»Richtig.«
»Dann auf zu den Argumenten! Was spricht für den Freihandel, was dagegen?«
»Wir können uns jetzt natürlich nur ein paar zentrale Argumente ansehen. Beginnen wir mit der Klassik und einem geläufigen Beispiel: Stelle dir vor, du und dein Nachbarjunge seid von euren Eltern verdonnert worden, regelmäßig Gartenarbeiten zu machen: Rasenmähen und Heckenschneiden. Das stinkt euch gewaltig, weshalb ihr die Arbeit so schnell wie möglich hinter euch bringen wollt. Da ihr euch gut versteht und eure Aufgaben ungefähr gleich groß sind, geht ihr einen Handel ein. Dein Nachbar ist schneller im Heckenschneiden, du bist hingegen schneller im Rasenmähen. Wenn jeder in beiden Gärten nur die Arbeit macht, die er schneller ausführen kann, seid ihr beide früher fertig. Das findet ihr natürlich toll, denn dadurch habt ihr mehr Zeit für eure Hobbys. Man könnte in gewisser Weise sagen, dass sich euer Wohlstand vergrößert hat.«
»Unbedingt!«
»Diesen Zusammenhang kann man auch auf Länder übertragen. Von zwei Ländern spezialisiert sich jedes Land auf das Gut, von dem es pro Arbeitsstunde mehr herstellen kann. Nehmen wir an, England und Portugal produzieren beide Kleidung und Wein. England ist produktiver bei der Herstellung von Kleidern und Portugal bei der Herstellung von Wein. Wenn sich England jetzt auf die Herstellung von Kleidern spezialisiert und Portugal auf die Herstellung von Wein, werden insgesamt mehr Wein und mehr Kleider produziert. Wenn sie diese Güter dann auch tauschen, haben sie jeweils mehr Wein und Kleider zur Verfügung. Der Wohlstand beider Länder vergrößert sich. Das ist Adam Smiths Argument für den Freihandel. Jedes Land soll sich auf das spezialisieren, worin es gegenüber einem anderen Land besser ist, worin es einen sog. hat. Wenn man diesen Zusammenhang verallgemeinert, haben wir bereits das zentrale Argument, das auch von anderen Ökonomen für den Freihandel angeführt wird:

Wenn ich beide Rasen mähe und er beide Hecken schneidet, braucht er nur 4 Stunden statt 5 und ich nur 12 Stunden statt 14. Wir haben durch die Spezialisierung beide also immer noch einen Vorteil, obwohl ich in Beidem schlechter bin.«
»Das ist das Prinzip des komparativen Vorteils, das David Ricardo in seinem 1817 erschienen Werk On the Principles of Political Economy and Taxation beschrieben hat. Er hat das Prinzip natürlich nicht am Beispiel vom Heckenschneiden und Rasenmähen erklärt, sondern am Handel mit Tuch und Wein zwischen England und Portugal. Selbst wenn England in beiden Bereichen produktiver ist als Portugal, kann es bei einem komparativen Vorteil durch den Freihandel seinen Wohlstand vergrößern. England beschränkt sich in Ricardos Beispiel auf das Tuch und Portugal auf den Wein, die dann getauscht werden.
Ricardos Prinzip wird bis heute in den neoklassischen Lehrbüchern verwendet, um den Freihandel zu verteidigen. Andere Ökonomen haben später versucht zu zeigen, dass auch andere Arten von Spezialisierungen zwischen Ländern zu größerem Wohlstand führen. Das neoklassische Hekscher-Olin-Theorem beispielsweise betrifft die Spezialisierung auf kapitalintensive Güter wie Smartphones und arbeitsintensive Güter wie Kleider.«
»Jetzt mal eine ganz simple Frage: Was bedeutet denn ›Freihandel‹ eigentlich?«
»Das erkläre ich am besten am Gegenteil: Der Handel mit harten Drogen ist bei uns nicht frei, sondern stark beschränkt. Es gibt Ausnahmen in der Medizin, ansonsten ist der Handel mit Drogen verboten. Solche Beschränkungen gibt es auch zwischen Ländern. Zum Beispiel ist es verboten, Schweinefleisch nach Saudi-Arabien einzuführen. Eine ähnliche Maßnahme sind Importquoten: Ein Gut darf nur bis zu einer bestimmten Mengengrenze eingeführt werden.
Viel häufiger als Verbote sind aber indirekte Hemmnisse. Das bekannteste ist der Zoll: Ausländische Produkte erhalten einen Aufpreis, den der Staat kassiert. Das macht den Verkauf des Produkts in diesem Land weniger attraktiv. Ein besondere Form von Zöllen sind Zollkontingente: Auch die EU erhöht den Zoll für manche Güter erheblich, wenn die Importe eine bestimmte Menge überschreiten. Dann gibt es Hemmnisse, die sich auf Eigenschaften der Produkte beziehen. Ein Land kann zum Beispiel bestimmte Qualitätsstandards oder Verpackungsvorschriften verlangen. Werden diese Vorschriften nicht erfüllt, darf das Produkt nicht eingeführt werden.



