Wirtschaftswissenschaft ist für Sie Neuland, das Sie betreten möchten? Dann lassen Sie sich wie Lukas von Jakob auf eine Reise durch die zentralen Themen, Thesen und Irrtümer unserer Wirtschaftstheorien mitnehmen.
Zuletzt hatte Jakob Lukas die klassische Freihandelstheorie erklärt und deren verbreitete Erfolgsgeschichte beschrieben. Heute erläutert er die Kritik am Freihandel aus der Sicht postkeynesianischer und anderer heterodoxer Ökonomen, die den Marktfundamentalismus ablehnen.
»Was gibt es gegen den Freihandel zu sagen? Zunächst komme ich noch einmal auf deine Frage, was Freihandel eigentlich bedeutet, zurück. Diese Frage mag simpel sein, sie ist aber sehr wichtig. Wie wir gesehen hatten, gibt es viele Formen von Handelshemmnissen zwischen Ländern. Selbst Vorschriften für Verpackungen gehören dazu. Wenn Freihandel bedeutet, dass all diese Hemmnisse aufgehoben werden und jeder handeln kann was er will und so viel er will, dann gibt es keinen Freihandel auf der Welt und auch niemanden, der das wünscht. Denn dies würde den Handel mit Menschen, Atomwaffen und vielen anderen Gütern einschließen, deren unregulierter Handel offenbar schädlich ist. Wenn jemand nach freiem Handel ruft, sollte man genau hinhören was da eigentlich frei werden soll und warum. Viele Akteure, die Freihandel propagieren, sind zugleich für strenge Regulierungen im internationalen Handel, nicht zuletzt, wenn es um Patentrechte geht.«
»Aber gibt es nicht doch eine Menge Güter, bei denen der freie Handel im Sinne Ricardos den Wohlstand auf der Welt vergrößern würde?«
Aus der Sicht heterodoxer Ökonomen kann auch das sehr schädlich sein.[i] Schauen wir uns dazu noch mal unser Beispiel an: Zwischen dir und deinem Nachbarn besteht hinsichtlich der Gartenarbeiten Freihandel. Ihr dürft euch beim Heckenschneiden und Rasenmähen gegenseitig helfen. Nach Ricardo könnt ihr davon sogar dann einen Vorteil haben, wenn du für beide Arbeiten länger brauchst als dein Nachbar. Daraus werden wir jetzt ein ökonomisches Gesetz machen, das Heckenschneiden-Rasenmähen-Theorem: Wenn Freihandel und ein komparativer Vorteil bei Gartenarbeiten besteht, vergrößert sich der Wohlstand von Nachbarn.
Wenn man darüber ein wenig nachdenkt, kommt man schnell zu dem Schluss, dass in dem Theorem eine ganze Reihe weiterer Voraussetzungen fehlen. Zum Beispiel könnten zwei Nachbarn zerstritten sein und sich nicht mal mehr grüßen. Oder einer von beiden hat so viel Spaß an seinem Garten, dass er seine Arbeiten alleine machen möchte. Dann wird es wohl kaum zu einer Arbeitsteilung kommen. Auch im internationalen Handel klingt Ricardos Theorie auf den ersten Blick sehr überzeugend und leicht anwendbar. Sie ist aber ebenfalls von weiteren Voraussetzungen abhängig, die nicht ohne weiteres erfüllt sind. Schau einmal genauer hin, fällt dir da nichts auf?«
»Wie du gesagt hast, wird in der Neoklassik aber angenommen, dass die Modelle immer noch realistisch genug sind oder dass man Unvollkommenheiten in die Modelle integrieren kann.«
»Das ist richtig, hat aus der Sicht heterodoxer Ökonomen aber Grenzen, vor allem wenn Modell und Wirklichkeit weit auseinanderklaffen.«
»Du meinst die Erfolgsgeschichte der Freihandelstheorie?«
»Ja. An dieser Stelle kommen wir noch einmal auf den Toyopet zurück, das Toyota-Haustier, der in den USA so wenig Erfolg hatte. Wie gesagt, gab es in Japan damals eine Diskussion zwischen Verteidigern des Freihandels und seinen Gegnern. Toyotas Kritiker wie die japanische Zentralbank argumentierten wie Ricardo: Toyota hatte bisher Textilmaschinen hergestellt und darin besaß es gegenüber der USA einen komparativen Vorteil. Autos zu produzieren wäre dagegen nachteilig, denn darin seien die USA nun einmal viel besser. Genauso gut könntest du versuchen, so schnell wie dein Nachbar Hecken zu schneiden.
Für andere war das aber kein gutes Argument. Sie sagten, wenn ein Land Wohlstand erreichen will, sind nun mal hochtechnisierte Industrien wie die Autoindustrie notwendig. Und solche Industrien zu entwickeln, braucht Zeit. Wenn wir Japan aber für den Freihandel öffnen wird folgendes passieren: Die Amerikaner und Europäer werden in Japan ihre Autos verkaufen, gegen die Toyota keine Chance hat. Toyota wird unweigerlich Pleite gehen. Japan muss den Handel mit ausländischen Autos so lange erschweren, bis Toyota konkurrenzfähig ist. Das hat die japanische Regierung tatsächlich auch getan. Sie hat nicht nur General Motors und Ford vom japanischen Markt ferngehalten, sondern auch Toyota vor der Pleite gerettet. Auch in Südkorea hat die Regierung die Entwicklung der eigenen Autoindustrie mit sehr hohen Zöllen geschützt. Welche Chance hätten diese Firmen gehabt, wenn ein VW oder Ford billiger gewesen wäre als ihre Autos? Stelle dir vor, ein KIA kostet hier viermal so viel wie ein VW, wer von uns würde so ein Auto kaufen?«
»Keiner! Höchstens Liebhaber koreanischer Autos vielleicht, die eine Menge Geld übrig haben. Aber sind Korea und Japan nicht Ausnahmen? Haben die meisten reichen Industriestaaten ihren Wohlstand nicht durch Freihandel und freie Märkte erreicht?«
»Kritiker des Freihandels wie der südkoreanische Ökonom Ha-Joon Chang halten dies für einen Mythos, der mit der wahren Geschichte des Kapitalismus wenig zu tun hat. Fast alle reichen Industrienationen wie England, die USA, Deutschland, Frankreich oder die skandinavischen Länder haben die Entwicklung ihrer Industrien demnach durch Handelsbarrieren stark geschützt. Ausnahmen waren lediglich die Niederlande, Hongkong und die Schweiz während dem ersten Weltkrieg.



