Deutschland weiß nicht, wie reich seine Reichen sind. Während Haushaltsumfragen die Konzentration am oberen Rand massiv unterschätzen, verhindern fehlende administrative Daten eine faktenbasierte Verteilungsdebatte.
Das Statistische Bundesamt erfasst die Hühnerbestände in Brandenburg präziser als die Vermögen der reichsten 1.000 Deutschen. Während jede Nachkommastelle der Inflationsrate öffentlich diskutiert wird, bleibt die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums im Ungefähren.
Die offizielle Bundesbank-Studie Private Haushalte und ihre Finanzen kommt für das Jahr 2023 auf einen Top-10%-Anteil von 54 Prozent. Das Bundeswirtschaftsministerium beziffert den Anteil für denselben Zeitraum auf Basis der Distributional Wealth Accounts der EZB auf 61,2 Prozent. Diese Differenz von über sieben Prozentpunkten entspricht einem Volumen von gut einer Billion Euro. Dass offizielle Publikationen bei der Vermessung desselben Landes im selben Jahr um eine Billion Euro divergieren, markiert das Kernproblem der deutschen Verteilungsanalyse.
Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin, hatte den Befund 2020 unmissverständlich formuliert: „Bisher wusste man nicht, wie reich oder arm wir Deutschen wirklich sind. Der deutsche Staat erhebt keine öffentlichen Statistiken zu den Vermögen seiner Bürgerinnen und Bürger.“ Sechs Jahre später gilt dieser Satz unverändert.
Die Anatomie der Schieflage
Die Datenlage der Deutschen Bundesbank zu den Ergebnissen ihrer Vermögensbefragung für das Jahr 2023 liefert die Basiswerte:


