Keir Starmers Rücktritt ist mehr als eine Personalie. Er ist Symptom eines tieferen politischen Strukturwandels, auf den Labour keine Antwort findet.
Mit dem Rücktritt von Keir Starmer endet eine der kürzesten Amtszeiten eines britischen Premierministers der jüngeren Geschichte. Erst vor zwei Jahren war Labour mit einer komfortablen Mehrheit an die Macht zurückgekehrt. Nun steht die Partei erneut vor einem Neuanfang. Als wahrscheinlichster Nachfolger gilt Andy Burnham, ehemaliger Bürgermeister von Greater Manchester und seit Jahren eine der populärsten Figuren der Partei.
Die Diagnose, die aus der Parteizentrale im Londoner Stadtteil Southwark kam: Starmer konnte nicht gut kommunizieren. Sie ist keineswegs auf Großbritannien beschränkt. Auch in Deutschland erklären Parteien von Mitte-links bis Mitte-rechts ihre sinkenden Zustimmungswerte gerne mit Kommunikationsdefiziten. Die Politik sei richtig, heißt es dann, sie werde lediglich nicht verstanden.
Tatsächlich haftete dem ehemaligen Chefankläger Starmer stets das Image eines technokratischen Verwaltungsmanagers an. Gegen den politischen Entertainer Nigel Farage, dessen Partei Reform UK Labour längst den Rang abgelaufen hat, wirkt er hölzern und distanziert. Viele in der Partei hoffen deshalb, Burnham könne mit seiner volksnäheren Art verlorene Wähler zurückholen.
Aber auch diese Hoffnung dürfte zu kurz greifen. Denn die Krise, die Labour erfasst hat, reicht tiefer als die Person Starmer. Es ist eine Krise der europäischen Sozialdemokratie, die sich über Jahrzehnte aufgebaut hat.
Denn Starmer hinterlässt keineswegs nur eine Bilanz des Scheiterns. Die britische Wirtschaft entwickelte sich zuletzt robuster als etwa die deutsche oder französische. Die Reallöhne stiegen zuletzt wieder, und die katastrophal langen Wartelisten im maroden staatlichen Gesundheitswesen begannen sich langsam zu verkürzen. Außenpolitisch gelang es Starmer zudem, Großbritannien nach den turbulenten Jahren unter Boris Johnson und Liz Truss wieder als berechenbaren und verlässlichen Akteur zu positionieren.
Trotzdem verlor Labour dramatisch an Zustimmung. Während die Partei bei den Unterhauswahlen 2024 noch von der Zersplitterung der Konservativen profitierte und mit 33,7 Prozent eine komfortable Mehrheit gewann, brach ihre Unterstützung in den folgenden zwei Jahren ein. In mehreren Umfragen fiel Labour zuletzt auf Werte zwischen 15 und 22 Prozent zurück, während Reform UK zeitweise zur stärksten Partei aufstieg. Besonders deutlich sind die Verluste in jenen ehemaligen Industrieregionen Nord- und Mittelenglands, die bereits beim Brexit-Referendum zu den Hochburgen des Leave-Lagers gehörten.



