Das Menschenbild der Ökonomie hat sich im Zeitalter der Geoökonomie, Tech-Milliardäre und geopolitischen Rivalitäten verändert. Welche politischen Folgen hat das?
Ökonomische Theorien machen immer auch anthropologische Aussagen, selbst wenn sie es nicht explizit tun. In der Neoklassik, die in der Volkswirtschaftslehre bis in die Zeit des globalisierten Neoliberalismus grundlegend war, war in die Mechanik der Märkte, die alles regeln, wenn man sie nur lässt, der „homo oeconomicus“ integriert.
Der homo oeconomicus ist ein Mensch, aber ein motivational recht einfacher Mensch, der alles unter dem Aspekt betrachtet, ob es ihm individuell nützt. Manche haben gesagt, dieses Menschenbild diene nur als fiktive Modellvorstellung, man beanspruche selbstverständlich nicht, damit eine Psychologie des Menschen zu beschreiben.
Die darauf aufbauenden ökonomischen Theorien hat der Philosoph Hans Albert, die 2023 verstorbene ständige Vertretung Karl Poppers in Deutschland, vor vielen Jahren einmal folgerichtig als „Modellplatonismus“ bezeichnet. Der Begriff war kritisch gemeint, als Abschottung der Theorie gegen empirische Prüfbarkeit. Was dem Konzept nach nur als gedankliche Abstraktion gelten soll, kann nicht an der Realität scheitern.
Mehr Empirie
Später hat allerdings die Verhaltensökonomie in manchen ihrer Spielarten, zum Beispiel in der Gedankenwelt des Wirtschafts-Nobelpreisträgers Gary Becker, den homo oeconomicus doch naturalisiert, mehr noch – sie hat versucht, damit alles menschliche Handeln zu erklären, auch jenseits des Kaufens und Verkaufens von Gütern und Dienstleistungen. Ökonomischer Imperialismus, hat man das genannt.
Ist der Mensch nicht tatsächlich, nicht nur als Modellvorstellung, auf seinen Vorteil bedacht? Immer und überall? Warum sollte dann die Partnerwahl anders funktionieren als der Kauf einer Handtasche, oder die Entscheidung, für eine bestimmte politische Partei zu stimmen, anders als die, in welche Aktien man investiert?
Der Spruch, in einer durchkommerzialisierten Welt habe alles einen Preis, aber keinen Wert, hier passt er. „Liebling, willst du mich heiraten, es wäre für mich steuerlich vorteilhaft“ – der Tod jeder Romanze. Die Folgen solcher Theorien für das alltägliche Miteinander hatte Julian Nida-Rümelin vor einigen Jahren ausführlich in seinem Buch „Die Optimierungsfalle“ beschrieben. Sein Fazit: „Der ökonomische Mensch ist nicht freundschaftsfähig“.



