Die Kapitalmarktunion bringe der Realwirtschaft dringend benötigtes Kapital, heißt es. Haben die europäischen Unternehmen ein Finanzierungsproblem – und würden stärkere Finanzmärkte Abhilfe schaffen?
Mehr reale Investitionen durch offene, ressourcenstarke und integrierte Kapitalmärkte wie in den USA. So lautet eins der verheißungsvollen Versprechen, das die Europäische Union seit der Antrittsrede von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker vor rund zehn Jahren gerne herausstellt. Das eingängige Stichwort für das Projekt: die Kapitalmarktunion.
Anders als in den USA erfolgt die Unternehmensfinanzierung in Europa nach wie vor überwiegend über klassische Bankkredite und weniger über die Finanzmärkte. Das sei ein Nachteil und begrenze den Zugang zu Kapital, um Investitionen zu finanzieren, heißt es oft. Die proklamierte Lösung für eine florierende Realwirtschaft: mehr Finanzmarkt – und damit eine Harmonisierung (und Absenkung) des europäischen Wirtschaftsrechts.
Solche Forderungen kommen nicht von ungefähr. Eine treibende Kraft für die Kapitalmarktunion ist die „Next CMU High-Level Expert Group“, in der Akteure wie ABP, Nasdaq, große Banken und Derivatehändler vertreten sind. Mehr Markt bedeutet für sie erstmal mehr Geschäft. Auffällig ist auch, dass entsprechende Forderungen aus der Realwirtschaft bislang weitgehend ausbleiben.
So oder so: Kann die Kapitalmarktunion denn ihre Versprechen halten? Herrscht in Europa überhaupt ein Mangel an Kapital – und würde die neue Union ihn stillen?
Großunternehmen haben kein Finanzierungsproblem
Eine bedeutende Unterscheidung bei der Frage, ob europäische Unternehmen einen ausreichenden Zugang zu Fremdkapital für die Finanzierung ihrer geplanten Investitionen haben, liegt in der Größe der Unternehmen. Für multinationale Konzerne etwa zeigt sich eine entscheidend andere Ausgangslage als für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) oder gar Start- und Scale-ups.
Grundsätzlich stellen die europäischen Finanzmärkte gerne, schnell und in großem Umfang Fremdkapital zur Verfügung – am liebsten in Form von großen Beträgen auf einmal für einen relativ kurzen Zeitraum und mit möglichst geringem Risiko. Vor allem Kreditnehmer mit einer soliden Bilanz und einem guten Ruf, darunter auch etablierte Großunternehmen, können reichlich Fremdkapital ohne Risiko erhalten, in einem Papier für das niederländische Parlament.



